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Die unscheinbaren Steine

Im tiefen, moosbewachsenen Wald lebte ein kleiner, unscheinbarer Flussstein namens Kiesel. Er lag am Ufer, umgeben von schimmernden Quarzen und glänzenden Obsidianstücken. Während die anderen Steine elegant und poliert waren, war Kiesel mattgrau, unförmig und oft mit trockenem Schlamm bedeckt.

Er hörte, wie die funkelnden Steine miteinander prahlten.

"Seht, wie das Licht in meinen Facetten tanzt!" rief ein Quarz. "Ich bin so glatt, ich muss für ein Schmuckstück bestimmt sein," flüsterte ein Obsidian.

Kiesel seufzte. Er wünschte sich so sehr, ebenfalls so strahlend zu sein. Er versuchte, sich im klaren Flusswasser zu reinigen, doch blieb er nur ein grauer, gewöhnlicher Stein. "Ich bin nichts Besonderes," dachte er oft. "Ich habe keinen Wert, ich bin einfach nur da."

Eines Tages kam ein alter, weiser Töpfer ans Flussufer. Sorgfältig suchte er die Materialien aus, die er mitnehmen wollte. Die glänzenden Steine begannen, sich in Pose zu werfen, in der Hoffnung, ausgewählt zu werden.

Der Töpfer ging an ihnen vorbei. Er hob keinen der funkelnden Quarze oder Obsidianstücke auf. Stattdessen kniete er sich hin, schob vorsichtig den Schlamm beiseite und nahm den unscheinbaren Kiesel in die Hand.

Die anderen Steine waren empört. "Warum ihn? Er ist so hässlich und farblos!" zischte ein Quarz.

Der Töpfer lächelte milde. "Ihr habt einen schönen Schein, das ist wahr. Aber ihr seid spröde und könnt brechen, wenn ihr großer Hitze ausgesetzt werdet. Ihr seid für die Zierde da, aber nicht für die Arbeit."

Er drehte Kiesel in seiner Hand. "Dieser kleine, graue Stein hier," sagte er leise, "ist nicht nur robust und widerstandsfähig, sondern auch voller kleiner Eisenpartikel und Mineralien, die ich brauche. Wenn ich ihn zermahle und dem Ton beimische, wird er das fertige Gefäß stärken. Er wird es hart und haltbar machen, sodass es Feuer, Wasser und Zeit standhält."

Der Töpfer steckte Kiesel in seinen Beutel und ging.

Kiesel war überwältigt. Er, der sich für so wertlos gehalten hatte, war nicht zur Zierde bestimmt, sondern ein Grundstein für die Stärke! Er musste nicht funkeln, um wichtig zu sein; sein Wert lag in seiner Beständigkeit und der Fähigkeit, andere Dinge besser zu machen.

In der Werkstatt des Töpfers wurde Kiesel zerrieben, mit Ton vermischt und in den Ofen geschickt. Er ging nicht verloren, sondern wurde Teil eines wunderschönen, stabilen Kruges, der viele Jahre lang die Ernte des Töpfers aufbewahrte.

Von da an erkannte Kiesel, dass der wahre Wert nicht immer in dem liegt, was man sofort sieht, sondern in der einzigartigen Stärke, die man besitzt und die man in die Welt einbringt.


Autor: Ulrich Bouwe 

Quelle: www.bouwe.de